Ein Wintergedicht, 2016

02.12.2016 00:13

Ein Lied hinterm Ofen zu singen

Der Winter ist ein rechter Mann,

kernfest und auf die Dauer;

sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an,

und scheut nicht süß noch sauer.

 

War je ein Mann gesund, ist er´s;

er krankt und kränkelt nimmer,

weiß nichts von Nachtschweiß noch Vapeurs

und schläft im kalten Zimmer.

 

Er zieht sein Hemd im Freien an

und lässt´s vorher nicht wärmen

und spottet über Fluss im Zahn

und Kolik in Gedärmen.

 

Aus Blumen und aus Vogelsang

weiß er sich nichts zu machen,

hasst warmen Drang und warmen Klang

und alle warmen Sachen.

 

Doch wenn die Füchse bellen sehr,

wenn´s Holz im Ofen knittert,

und um den Ofen Knecht und Herr

die Hände reibt und zittert;

wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht

und Teich und Zehen krachen;

das klingt ihm gut, das hasst er nicht,

dann will er tot sich lachen. -

 

Sein Schloss von Eis liegt ganz hinaus

beim Nordpol an dem Strande;

Doch hat er auch ein Sommerhaus

im lieben Schweizerlande.

 

Da ist er denn bald dort, bald hier,

gut Regiment zu führen;

und wenn er durchzieht, stehen wir

und sehn ihn an und frieren.

> von: Matthias Claudius <